England: Betrunkene Hühner – Ladylike ist out.
Aus Facts vom 29.11.2001
Bisher waren vor allem die britischen Männer als Trunkenbolde bekannt. Jetzt eifern ihnen die Frauen nach. Zum Schrecken der Barkeeper.
Wenn die Gruppen von jungen Damen nur in Nonnenkluft erscheinen oder in spätpubertären Schuluniformen, atmet Sally Ferris auf. Die Managerin eines Belgo-Centraal-Restaurants im Londoner Westend hat schon zu viele betrunkene Frauen mit Schokoladepenissen, beleuchteten Vibratoren und Domina-Peitschen herumlaufen sehen, um den vulgären Exhibitionismus noch lustig zu finden.
„Wir bitten die Kundinnen um angemessenes Verhalten und um ein Mindestmass an Bekleidung. Stripper und phallische Symbole mitzubringen ist verboten", sagt Ferris streng. Die Regeln sind neuerdings bitter nötig. Landauf, landab beklagen sich Restaurant-Besitzer und Nightclub-Betreiber über das wenig damenhafte Betragen von Frauen-Klüngeln, die zur Feier einer bevorstehenden Hochzeit einer der ihren noch einmal tüchtig auf den Putz hauen wollen, bevor das eintönige Eheleben beginnt.
Während auf dem Kontinent ein Polterabend die Geschlechter eher zusammenführt, wird auf der prüfen Insel die pränuptiale Orgie fein säuberlich nach Männlein und Weiblein getrennt veranstaltet.
Braut und Freundinnen versammeln sich zur „hen night", Hühnernacht, während sich der Bräutigam auf der „stag night", Hirschnacht vergnügt. Dass sich die Männer dabei archaischen Saufritualen hingeben, die pflichtgemäss im Filmriss enden, vorzugsweise in einem Striplokal, gehört seit jeher zur englischen Folklore und wird als „lad culture" verniedlicht. Parallel dazu ist in den letzten Jahren die „ladette" populär geworden – das weibliche Ebenbild des männlichen Rüpels, ein Alkohol saufendes, laut kreischendes, leicht bekleidetes Wesen auf Stöckelschuhen.
Für die vermeintlich freizügigen, in Wahrheit verklemmt daherkommenden Feten kann man im Internet geschmacklose Outfits, Eiswürfel in Penisform und Teufelsfratzen bestellen. Spezialveranstalter organisieren Nightclub-Besuche, männliche Stripper inklusive, die pro Teilnehmerin schon mal 250 Franken kosten.
Nicht ganz billig ist auch die Mode, T-Shirts mit Selbstbezichtigungen zu bedrucken. In London teilen neuerdings normale Mitvierzigerinnen mit, es handle sich bei ihnen um eine „old slapper", eine alte Schlampe; populär sind auch Slogans wie „wanna touch?" (willste grapschen?) oder „I love shagging" (ich bumse gern).
Das selbstbewusste Auftreten bis hin zu vulgärem Exhibitionismus, mutmassen Soziologinnen, habe mit der wachsenden finanziellen Unabhängigkeit junger Frauen zu tun. Auch spielen Vorbilder wie Britney Spears, die Spice Girls oder Madonna eine Rolle. Noch in den Siebzigerjahren waren Frauen in traditionellen Pubs höchstens hinter der Theke anzutreffen. Freitagabends zur „closing time" um 23 Uhr prügelten und bekotzten sich nur die englischen Männer, Frauen kamen in dieser Welt nicht vor.
Doch mittlerweile haben die Engländerinnen in ihrer Freizeit die zuvor männerdominierten Trinkhallen ebenso erobert wie im Berufsleben Unterhaus, Börse und Armee.
Die ältere Feministinnen-Generation runzelt über die Saufemanzipation der Jüngeren Generation allerdings die Stirn. Delirierende, torkelnde Mädchen, das sei „enttäuschend und einfallslos", tadelt die Londoner Soziologie-Professorin Angela McRobbie. |